Die Zukunft sicher und konkret gestalten

Datenbrillen und MRK-fähige Robotergreifer - das Thema Industrie 4.0 stellt auch den Arbeitsschutz vor neue Aufgaben.

Fachveranstaltung Maschinen der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) gibt Einblicke in eine Arbeitswelt mit dem „Kollegen Roboter“

Was wird sich durch die Industrie 4.0 beim Arbeitsschutz ändern und welche Chancen verbinden sich damit? Diese Leitfragen standen bei rund einhundert Expertinnen und Experten für Arbeitsschutz auf der Fachveranstaltung Maschinen des Fachbereichs Holz und Metall bei der BGHM in Bamberg im Fokus. Mit insgesamt sechs Vorträgen erhielt das Publikum einen Überblick über die aktuellen Innovationen der Industrie 4.0 und die damit verbundenen Chancen und Risiken für die Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten der Fertigungs- und Produktionsbranche.

Zaun weg = mehr Sicherheit?

Dr. Matthias Umbreit, Robotikexperte der BGHM, hob im Leitvortrag der Veranstaltung das große Potenzial der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) für den Arbeitsschutz hervor. Der große Nutzen der Roboterunterstützung bei besonders unergonomischen und belastenden Tätigkeiten und Arbeitshaltungen sei seit langem bekannt und werde dementsprechend vermehrt genutzt. Weniger bekannt sei das Präventionspotenzial durch die MRK bei Maschinenmanipulationen. „Manipulationen an Schutzeinrichtungen von Maschinen sind noch immer eine der häufigsten Unfallursachen in Fertigungsbetrieben. Bei der MRK sind Manipulationen nahezu ausgeschlossen, da diese Technologie in der Regel ein gefahrloses Eingreifen in den Prozessablauf zulässt“, betont Dr. Umbreit. Für einen sicheren Betrieb müssten jedoch die in Forschungsprojekten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherungen (DGUV) und der BGHM ermittelte biomechanische Grenzwerte überprüft werden. „Dem Roboter müssen wir vor Inbetriebnahme die Schmerzempfindlichkeit erst noch einprogrammieren, damit er den Kollegen Mensch nicht verletzt“, sagte Dr. Umbreit. Hieran knüpfte unmittelbar der Vortrag von Dr. Daniel Meixner (GTE Industrieelektronik GmbH) an. Er erläuterte beispielhaft die Einzelschritte eines solchen Messablaufs und wo in der Praxis immer wieder Probleme, Messungenauigkeiten oder häufig Fehler geschehen.

Von Greifern und Brillen

Zwei weitere Vorträge befassten sich mit großen Themen der Zukunft: Datenbrillen und MRK-fähige Robotergreifer. Letztere zeichnen sich unter anderem durch eine besondere Formgebung, wie gerundete Kanten, aus. Neu ist, dass die im Inneren verbauten Komponenten künftig Sicherheitsfunktionen wie Kraft- und Wegüberwachungen zulassen werden. Im Gegensatz zu den Robotergreifern sind Datenbrillen hingegen im Maschinenalltag noch eine Seltenheit. Erste Forschungsergebnisse würden aber das Voranschreiten dieser Innovation belegen, teilte Britta Kirchhoff von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit. Sie erläuterte, wie das Einblenden von Informationen Montage- oder Instandhaltungsabläufe einfacher und ergonomischer gestaltet. Derzeit sei ein Entwicklungsschwerpunkt, die technischen Anforderungen und Leistungsdaten dieser Systeme und besser an die Bedürfnisse der Beschäftigten in den Betrieben anzupassen.

Maschinen zum Anziehen

Doch die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine gestaltet sich auch noch enger. So tragen schon heute vereinzelt Beschäftigte in der Automobilindustrie sogenannte Exoskelette. Sie unterstützen den Menschen bei äußerst unergonomischen Arbeitstätigkeiten, wie zum Beispiel permanenten Überkopfarbeiten und –montagen. Das Publikum erhielt jedoch ebenso Informationen für ein ganz anderes Anwendungsgebiet: Derartige Robotersysteme ermöglichen es ebenso Menschen mit einer Querschnittslähmung, wieder aufrecht stehen und laufen zu können. „Auch das ist ein Aspekt der Industrie 4.0. Exoskelette können bei geeigneten Personen helfen, wieder selbstständig laufen zu können“, betonte Dr. Umbreit am Rande der Veranstaltung. Wie es ist, wieder weitgehend selbstständig stehen und laufen zu können, demonstrierte ein Gelähmter mit seinem Exoskelett. Er schilderte dabei die großen positiven Verbesserungen seiner Lebensqualität, wenngleich er die Maschine nicht 24 Stunden am Tag tragen kann. „Die heutige Entwicklung der Robotik in Verbindung mit der dynamischen Entwicklung in der Industrie 4.0 wird uns in den kommenden Jahren begleiten. Hier müssen die Träger der gesetzlichen Unfallversicherungen am Ball bleiben, die sich damit verbundenen Chancen für mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit nutzen“, sagte Dr. Umbreit abschließend.