Arbeitsbedingte psychische Belastung

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„Bei uns gibt es keine psychische Belastung! Und selbst wenn: Wie sollte ich diese beur-teilen? Ich bin doch kein Psychologe!“ Solche und ähnliche Sätze sind in den Betrieben zu vernehmen. Dabei ist der arbeitsbedingten psychischen Belastung leichter zu begegnen als vermutet. Die BGHM bietet dazu geeignete Hilfsmittel.

 

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage infolge psychischer Erkrankungen stetig zugenommen. Zahlreiche Studien lassen vermuten, dass bestimmte ungünstige Ausprägungen arbeitsbedingter psychischer Belastungsfaktoren nachweisbare Risiken für die Gesundheit darstellen. Diese Faktoren sind unter anderem lange Arbeitszeiten, Überstunden und fehlende soziale Unterstützung. Eine hohe Arbeitsintensität bei niedrigen Einflussmöglichkeiten und geringer Belohnung kann zu Depressionen oder Angststörungen führen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten ebenfalls gehäuft bei eingeschränktem Handlungsspielraum, ungünstigen Arbeitszeiten und Arbeitsplatzunsicherheit auf.

Die psychischen Belastungsfaktoren und die verfügbaren Ressourcen bei der Arbeit lassen sich jedoch mithilfe der Gefährdungsbeurteilung gezielt erfassen, bewerten und wirksam gestalten. Sie gehören neben der Integration der technisch-stofflichen und körperlichen Belastung zu einer vollständigen und ganzheitlichen Gefährdungsbeurteilung der Arbeitsbedingungen dazu. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA), eine Initiative von Bund, Ländern und der gesetzlichen Unfallversicherung hat zusammen mit Wissenschaft und Praxis eine Empfehlung zur Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung entwickelt.

Folgende Merkmalsbereiche gilt es demnach zu beurteilen:

  • Arbeitsinhalt und Arbeitsaufgabe (z. B. Vollständigkeit der Aufgabe, Abwechslungsreichtum)
  • Arbeitsorganisation (z. B. Arbeitsablauf, Arbeitszeit)
  • Soziale Beziehungen (z. B. zu Kollegen und Vorgesetzten)
  • Arbeitsumgebung (z. B. Arbeitsmittel)
  • neue Arbeitsformen (z. B. reduzierte Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben)
Erweitertes Belastungs-Beanspruchungs-Modell (eigene Darstellung BGHM)
Abbildung 1: Erweitertes Belastungs-Beanspruchungs-Modell (eigene Darstellung BGHM)

Der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, die Gefährdungen durch psychische Belastung in Abstimmung mit dem Betriebsrat in die Gefährdungsbeurteilung zu integrieren. Er hat bei der Wahl der konkreten Vorgehensweisen und der Instrumente einen großen Freiraum. Der Erfolg bemisst sich vor allem daran, ob damit die Gefährdungen durch psychische Belastung bei der Arbeit erkannt, beurteilt und wirksam beseitigt oder minimiert werden können.

Die GDA stellt mögliche Methoden zur Erfassung, Beurteilung und Gestaltung der psychischen Belastung vor. Sie gibt Rat, welche Personen unter welchen Voraussetzungen im Betrieb eingebunden werden sollen. Einen leicht verständlichen Einstieg ins Thema bietet ein GDA-Erklärfilm zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Die BGHM hat die Empfehlungen der GDA in Handlungshilfen für die eigenen Mitgliedsbetriebe der Holz- und Metallbranche umgesetzt. Die Fachinformationen FI 0052-0054 bieten Checklisten zur Analyse, Beurteilung und Dokumentation psychischer Belastung am Arbeitsplatz sowie Empfehlungen zur Ableitung von entsprechenden Maßnahmen an. Die BGHM-Broschüre „Damit es rundläuft im Betrieb“ wendet sich vor allem an Kleinbetriebe und gibt Tipps aus der Praxis weiter.

Die Präventionsfachleute der BGHM unterstützen Mitgliedsunternehmen mit verschiedenen Präventionsleistungen auf Anfrage. Ihre Aufsichtspersonen vermitteln den Kontakt. Sprechen Sie uns an!

Martin Prüße und Nadine Mölling, BGHM

Nutzen Sie das Plakat und die Checkliste zum Schwerpunktthema im Monat Oktober für Ihre betriebliche Präventionsarbeit. Sie sind Bestandteil des BGHM-Wandkalenders.

Was ist arbeitsbedingte psychische Belastung?

Darunter versteht man alle äußeren Einflüsse, die sich auf die menschliche Psyche auswirken (vgl. DIN EN ISO 10075-1). Sie beeinflussen das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Verhalten einer Person. Psychische Belastung kann sich sowohl positiv als auch negativ auswirken. Sie ist von außen erkennbar, analysierbar und beurteilbar, also unabhängig von einzelnen Personen. Enge Zeitvorgaben sind zum Beispiel ebenso eine arbeitsbedingte psychische Belastung wie eine gute Entlohnung. Grundsätzlich hat die Belastung „Arbeit haben“ einen positiven Einfluss auf die Gesundheit und die Entwicklung einer Person.

Menschen reagieren jedoch sehr verschieden auf eine psychische Belastung: Sie fühlen sich subjektiv unterschiedlich stark beansprucht. Beispielsweise empfinden manche Beschäftigte Zeitdruck als unangenehm, andere fühlen sich dadurch angespornt. Für den Einen ist das Smartphone eine Arbeits- und Zeitersparnis, für den Anderen ein echter Stressfaktor.

Organisationen und deren Mitglieder, die über eine stabile Gesundheit und gute Bewältigungsmöglichkeiten verfügen, können besser auch mit ungünstig gestalteten psychischen Belastungsfaktoren umgehen als solche, denen diese Schutzfaktoren fehlen. Gut gestaltete Arbeit kann die psychische und physische Gesundheit stabilisieren. Schlecht gestaltete Arbeit ohne Ausgleichsmöglichkeiten kann die seelische und körperliche Gesundheit der Beschäftigten langfristig beeinträchtigen. Gut gestaltete Arbeit fördert die Resilienz
(Widerstandsfähigkeit) und Weiterentwicklung der Beschäftigten. Dagegen führen ständige Über- oder
Unterforderung zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen. Fehlbeanspruchte Beschäftigte verhalten sich eher riskant und machen häufiger Fehler.

„Der Aufwand lohnt sich!“

Immer mehr kleine Betriebe nehmen sich mit Unterstützung der BGHM der Bewältigung von arbeitsbedingter
psychischer Belastung an. Zwei Unternehmer berichten hier von ihren Erfahrungen:

 

Unternehmen

Bien-Holz Sägewerk Uelzen GmbH
53 Beschäftigte;
Gespräch mit Jörg Hellmann als
Vertreter des Unternehmers

Tischlerei Schwenke GmbH
28 Beschäftigte;
Gespräch mit dem Unternehmer Floria Fricke

Welche Erfahrungen mit der Erweiterung der Gefährdungsbeurteilung um die psychische Belastung haben Sie gemacht?Sehr gute: Viele Themen sind zwar
bekannt, aber man kommt anders
darüber ins Gespräch.
Gute: Nach meiner Übernahme des Unternehmens gibt es einige Themen, die bearbeitet werden müssen. Dabei greift aber auch vieles ineinander.
Welches Vorgehen haben Sie gewählt?Wir haben die BGHM FI 0052 in
Mitarbeitergruppengesprächen durch-geführt, dabei haben teilweise Fach-
leute der BGHM und die (externe)
Sifa moderiert.
Wir haben die BGHM-Dokumentationshilfe aus der Alternativen Betreuung selbstständig ausgefüllt und mit den Beschäftigten besprochen.
Welche Hürden gab es?Es herrschte anfangs Unklarheit darüber, was genau und in welcher Tiefe erwartet wird. Es ist eben keine Therapie, sondern dient der Arbeits-
gestaltung.
Die Inhalte sind soweit klar, aber es stellte sich die Frage, was man tun soll, wenn Problemfälle da sind?
Wie haben die Beschäftigten reagiert?Die Bereitschaft mitzumachen war
sehr unterschiedlich: Teilweise gab es keinen „Leidensdruck“; teilweise
„keine Hoffnung auf Veränderung“.
Viele stehen den Themen offen gegenüber.
Was wurde verändert?Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
werden jetzt bei Entscheidungen
früher einbezogen, so wird auch das
„Wir-Gefühl“ gefördert. Außerdem
dürfen sie ihr Arbeitsumfeld selbst
positiv gestalten. Wir haben die
Schichteinteilung und die Rotation
der Tätigkeiten und Schichten
geändert sowie die Klärung von
Grenzen und Verantwortlichkeiten
zwischen den Arbeitsplätzen
verbessert.
Bei uns haben sich das Miteinandersprechen und die Wirksamkeit der Unterweisungen
verbessert. Außerdem fand eine Bestätigung der Veränderung der Arbeitsweise als Unternehmer (feste Arbeitszeiten; Öffnungszeiten etc.) statt.
Wie sehen Sie Aufwand und Nutzen im Vergleich?

Die Produktion wird optimiert und
der einzelne Mitarbeiter fühlt sich
wertgeschätzt. Der Aufwand ist für
kleine Betriebe zwar hoch (Personal-bindung), allerdings sind viele
wichtige Themen, die Zeit und Geld sparen werden, in den Fokus gerückt. Die Fehlzeiten haben sich nicht reduziert.

Es ist gut, sich auch mit diesen Themen zu
beschäftigen. Der Aufwand lohnt sich!
Was empfehlen Sie anderen Betrieben?Man sollte es nicht ohne Schulung
oder die Berater der BGHM versuchen. Vor allem muss vorher klar sein, was gefordert ist und was es nützen kann.
Mindestens einmal im Jahr sollte man den Prozess mit einer externen Person wiederholen.
Wir empfehlen, die Alternative Betreuung der
BGHM zu nutzen.

 

 

Hinweis

Weitere Informationen

 

Checkliste