Fahrbare Gerüste, Kleingerüste und Arbeitsbühnen

Kleingerüst; Foto: © BGHM

Fahrgerüste, also fahrbare (Klein-)Gerüste sowie fahrbare Arbeitsbühnen, sind auf Bau- und Montagestellen unentbehrlich geworden: Sie können vor Ort schnell aufgestellt werden, benötigen bei entsprechender Ballastierung oder Basisverbreiterung keine Verankerung, ermöglichen einen sicheren Stand und sind auf einer festen Aufstellfläche schnell per Hand verschiebbar. Aufgrund der Verschiedenartigkeit der Produkte gibt es jedoch einige Gefährdungen, die bei der Benutzung beachtet werden müssen.

 

Im Rahmen eines Aktionsprogrammes haben Arbeitsschutzbehörden über den Zeitraum von zwei Jahren mehr als 65.000 Baustellenrevisionen in ganz Deutschland durchgeführt. Ein Schwerpunkt lag dabei auf zwei besonders unfallträchtigen Bereichen: den Gerüstbauarbeiten und der Benutzung von Gerüsten.

Die Auswertung ergab: Hinsichtlich der Gerüstarten wurden die häufigsten Mängel bei den Fahrgerüsten angetroffen. Eine Ursache dafür kann darin liegen, dass der Ersteller ungenügend qualifiziert ist, da Fahrgerüste teilweise nicht von Gerüstbaufachbetrieben, sondern von den eigentlichen Benutzern errichtet werden. Wenn dann die Montage nicht nach der Regelausführung erfolgt, besteht die Gefahr, dass Personen während des Aufbaus und der Verwendung abstürzen. Vor allem folgende Mängel traten auf:

  • fehlerhafter Seitenschutz
  • ungenügende Standsicherheit
  • fehlende oder falsch montierte Verstrebungen
  • fehlende Prüfung
  • unzureichende Kennzeichnung
Fahrbare Arbeitsbühne; Foto: © BGHM

Planung und Organisation

Beim Auf- und Abbau sowie bei der eigentlichen Verwendung von Fahrgerüsten ereignen sich immer wieder schwere und tödliche Absturzunfälle. Um dies zu verhindern, muss der verantwortliche Unternehmer eine Gefährdungsbeurteilung durchführen und eine schriftliche Dokumentation darüber erstellen, in der vor allem geeignete Maßnahmen gegen Absturz und herabfallende Gegenstände festgelegt sind. Dabei ist auch zu überprüfen, ob das Fahrgerüst für den vorgesehenen Verwendungszweck geeignet ist. Entspricht das
ausgewählte Gerüst nicht einer Regelausführung, ist ein gesonderter Brauchbarkeitsnachweis erforderlich (z. B. nach Bild 6 DGUV Information 201-011).

Die Fahrgerüste dürfen nur unter der Aufsicht einer fachkundigen Person und von fachlich geeigneten Beschäftigten auf- oder abgebaut werden. Diese müssen speziell für diese Arbeiten unterwiesen sein. Den Beschäftigten hat außerdem die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Gerüstherstellers auf der Baustelle vorzuliegen.

Kleingerüst; Foto: © BGHM
Bevor fahrbare Arbeitsbühnen (rechts) und Kleingerüste (links) verwendet werden können, muss eine befähigte Person sie auf ihre Brauchbarkeit prüfen und diese nachweisen.
Gerüst; Foto: © BGHMMichael Schultz - Fotostudio [x]
Fiberglasgerüst für spezielle Einsatzbereiche

Auswahl eines geeigneten Fahrgerüstes

Die zulässige Belastung eines Fahrgerüstes ergibt sich entweder aus der Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers oder den Vorgaben der DIN 4420-3 „Arbeits- und Schutzgerüste – Teil 3: Ausgewählte Gerüstbauarten und ihre Regelausführungen.“

Dabei ist entsprechend dem vorgesehenen Verwendungszweck eine geeignete Lastklasse auszuwählen:

  • Lastklasse 1 (flächenbezogenes Nutzgewicht max. 0,75 kN/m² bzw. 75 kg/m²) nur für leichte Inspektionstätigkeiten ohne Werkzeuge und Material, z. B. Ablesetätigkeiten
  • Lastklasse 2 (flächenbezogenes Nutzgewicht max. 1,5 kN/m² bzw. 150 kg/m²) nur für Bau- und Instandhaltungsarbeiten, die kein Lagern von Materialien erfordern, z. B. Reinigungsarbeiten
  • Lastklasse 3 (flächenbezogenes Nutzgewicht max. 2,0 kN/m² bzw. 200 kg/m²) nur für Bau- und Instandhaltungsarbeiten mit geringer Materiallagerung, z. B. Montagearbeiten, Instandsetzungs-arbeiten an Installationen der Haustechnik.

Ausführungsarten

Fahrbare Gerüste nach DIN 4420-3 bestehen aus Gerüstbauteilen, die auf Fahrrollen montiert sind und verfahren werden können. Dabei kommen entweder (systemfreie) Stahlrohre mit Kupplungen oder vorgefertigte Systemgerüstbauteile zum Einsatz, wodurch Konstruktionen mit veränderlichen Längen oder Breiten der Belagsflächen möglich sind.

Ein Aufbau nach Regelausführung darf in Längs- und Querrichtung höchstens zweifeldig ausgeführt werden. Die Standhöhe ist dabei auf maximal zwölf Meter begrenzt. Um die Standsicherheit zu gewährleisten, ist ein Verhältnis von Standhöhe zur kleinsten Aufstandsbreite von höchstens 3:1 einzuhalten. Fahrbare Gerüste aus Stahlrohren und Kupplungen dürfen auf bis zu 6,0 m² der Belagsfläche mit maximal 2 kN/m², auf
dem verbliebenen Teil mit maximal 0,75 kN/m² belastet werden. Bei fahrbaren Gerüsten aus Systemgerüstbauteilen ist die Standsicherheit nach DIN 4420-3 nachzuweisen.

Fahrbare Arbeitsbühnen nach DIN EN 1004 sind einfeldige Gerüstkonstruktionen aus vorgefertigten
Systembauteilen, die mindestens eine Belagsfläche und mindestens vier Fahrrollen haben. Es handelt sich dabei um fahrbare Arbeitsplätze mit unveränderlichen Längen und Breiten der Belagsflächen. Sie können nur in den vom Hersteller vorgegebenen Abmessungen verwendet werden. Ein wesentliches Merkmal sind die seitlichen Ständer, die eine Leiterteilung aufweisen und als Aufstieg dienen können. Da fahrbare Arbeitsbühnen freistehend benutzt werden dürfen, kann entsprechend den Vorgaben des Herstellers eine
Stabilisierung durch Ballastierung, Vergrößerung der Aufstandsbreite oder Wandabstützung erforderlich
sein. Die Standhöhe im Freien ist auf acht Meter, innerhalb geschlossener Räume auf zwölf Meter begrenzt. Fahrbare Arbeitsbühnen nach DIN EN 1004 dürfen nur mit einer gleichmäßig verteilten Last von maximal 2,0 kN/m² belastet werden.

Fahrbare Kleingerüste sind gerüstähnliche Konstruktionen mit mehr als 1 Meter Standhöhe, die aus einer Gerüstlage mit unveränderlicher Länge und Breite bestehen und freistehend benutzt werden können. Beträgt die Höhe der Belagsfläche mehr als 1 Meter, muss eine Einrichtung vorhanden sein, die das Anbringen eines Seitenschutzes ermöglicht. Die Standhöhe ist jedoch konstruktiv auf höchstens zwei Meter zu begrenzen.

Aufbau

Für alle Fahrgerüste ist ein Brauchbarkeitsnachweis zu erbringen. Dieser gilt als erbracht, wenn ein fahrbares Gerüst aus Stahlrohren und Kupplungen nach einer Regelausführung gemäß DIN 4420-3 aufgebaut wird. Dies trifft auch für fahrbare Gerüste aus Systemgerüstbauteilen zu, wenn diese entsprechend der Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers errichtet sind. Im Unterschied zu den fahrbaren Arbeitsbühnen und Kleingerüsten sollte der Aufbau aller fahrbaren Gerüste aufgrund der komplexen Anforderungen nur durch einen Gerüstbaufachbetrieb mit fachlich geeigneten Beschäftigten erfolgen.

Für fahrbare Arbeitsbühnen nach DIN EN 1004 werden durch die Hersteller Aufbau- und Verwendungsanleitungen zur Verfügung gestellt, die die Regelausführung beschreiben und somit als Brauchbarkeitsnachweis gelten. Dies trifft auch für fahrbare Kleingerüste zu. Fahrbare Arbeitsbühnen sowie Kleingerüste können dann entsprechend dieser Vorgaben von unterwiesenen Benutzern aufgebaut werden. Zum Schutz gegen
Absturz sind für den Auf- und Abbau der Fahrgerüste passende Maßnahmen entsprechend der Rangfolge – Absturzsicherung, Auffangeinrichtung, individueller Gefahrenschutz – festzulegen. Hierbei sind vor allem konstruktive Lösungen geeignet, die Beschäftigte bereits beim Betreten der nächsthöheren Plattform durch einen umlaufenden Seitenschutz sichern (s. Bild Seite 16). Für die Montage sind unbeschädigte Originalbauteile zu verwenden, wobei die Aufstellung auf ebenem und tragfähigem Grund erfolgen muss. Fahrgerüste müssen in der jeweiligen Arbeitsebene einen dreiteiligen Seitenschutz und für einen sicheren Aufstieg konstruktiv festgelegte Innenaufstiege vorweisen. Überbrückungen zwischen Fahrgerüsten untereinander oder zu Gebäuden und Bauteilen sind nicht zulässig. Außerdem ist das Anbringen von Hebezeugen an Fahrgerüsten nur möglich, wenn die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers dies ausdrücklich
zulässt. Um die Kippgefahr zu minimieren, müssen gemäß Aufbau- und Verwendungsanleitung der Hersteller ab bestimmten Standhöhen Fahrbalken, Gerüststützen, Ausleger oder Ballast eingebaut werden. Dabei
ist der Ballast gegen unbeabsichtigte Lageveränderungen zu sichern.

Prüfung – Kennzeichnung – Verwendung

Bevor Fahrgerüste verwendet werden können, muss eine befähigte Person sie auf ihre Brauchbarkeit prüfen und diese nachweisen. Wesentliche Grundlage ist auch hier wieder die Aufbau- und Verwendungsanleitung des Herstellers. Die Prüfergebnisse sind an der Einsatzstelle zur Einsicht bereitzuhalten. Außerdem muss das Fahrgerüst gekennzeichnet werden, wobei vor allem der Gerüstersteller, das Datum der Prüfung, die zulässige Belastung sowie sicherheitsrelevante Informationen angegeben werden sollten. Jeder Unternehmer, der seinen Beschäftigten Fahrgerüste zur Verfügung stellt, ist für die bestimmungsgemäße Verwendung und den Erhalt der Betriebssicherheit verantwortlich. Wichtige Hinweise dazu sind in der Aufbau- und Verwendungsanleitung enthalten. So müssen vor der Verwendung die Fahrrollen festgestellt werden, um ein unbeabsichtigtes Wegrollen auszuschließen. Weiterhin darf die zulässige Belastung aus Personen,
Material und Werkzeugen nicht überschritten werden. Zur Verringerung der Kippgefahr ist der Innenaufstieg zu nutzen und danach sind stets die Durchstiegsklappen im Belag zu schließen. Soll das Gerüst verfahren werden, muss darauf geachtet werden, dass sich keine Personen darauf aufhalten und lose Teile gegen Herabfallen gesichert sind.

Fahrgerüste sind nur langsam und auf ebenem, tragfähigem und hindernisfreiem Untergrund zu verfahren, wobei jeglicher Anprall zu vermeiden ist. Bei aufkommendem Sturm (ab Windstärke 6) und nach Schichtschluss ist das Gerüst gegen Umkippen zu sichern.

Für spezielle Anforderungen gibt es mittlerweile eine Auswahl geeigneter Fahrgerüste, die auch im Hinblick auf den Arbeitsschutz für Arbeitserleichterung und mehr Sicherheit sorgen. So kommen zum Beispiel Kleingerüste aus Glasfaserstoffen zum Einsatz, die sich für Arbeiten an elektrischen Anlagen oder unter Einwirkung chemisch aggressiver Stoffe eignen. Außerdem gibt es höhenverstellbare fahrbare Arbeitsbühnen,
die einen optimalen Arbeitsplatz ermöglichen oder Klappgerüste, die leicht verstaut und transportiert werden können.

Stephan Mrosek, BGHM

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