Bei Leitern ist Vorsicht geboten

Wie lassen sich Absturzunfälle vermeiden? Praxishilfen und Infos auf der Fachveranstaltung der BGHM

Schierke/Mainz (BGHM). Das Arbeiten auf Leitern ist gefährlich: Mehr als 12.000 meldepflichtige Absturzunfälle von Leitern gab es laut der Statistik Arbeitsunfallgeschehen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) branchenübergreifend in Deutschland im Jahr 2016. Hinzu kommen etwa 5.000 Arbeitsunfälle mit Leitern, die aus einer Höhe von unter einem Meter erfolgten und daher nicht zu Absturzunfällen, sondern beispielsweise zu Stolperunfällen gezählt werden. Bei der Fachveranstaltung „Sicherer Einsatz von Leitern“ Anfang Oktober in der BGHM-Bildungsstätte in Schierke, stellte die BGHM Praxishilfen für den Umgang mit Leitern vor. Welche Risiken der Einsatz von Leitern birgt, welche Alternativen es gibt und wie Absturzunfälle vermieden werden können, erklärt Kathrin Stocker, Expertin für hochgelegene Arbeitsplätze bei der BGHM.

Frau Stocker, was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an Leitern denken?

Kathrin Stocker: Ich muss daran denken, wie gefährlich Leitern als Arbeitsmittel sind und wie sehr die Öffentlichkeit diese Gefahr verkennt. Für Arbeiten in der Höhe gibt es bessere und vor allem sicherere Alternativen. In der Betriebssicherheitsverordnung heißt es, dass die Verwendung von Leitern nur zulässig ist, wenn wegen der geringen Gefährdung und Dauer der Arbeiten die Nutzung anderer Arbeitsmittel nicht verhältnismäßig ist. Mit anderen Worten: Leitern sollten so selten wie möglich eingesetzt werden. Für die Praxis bedeutet das, als Arbeitsmittel bevorzugt Kleingerüste oder Hubarbeitsbühnen zu nutzen. Für mehr Sicherheit sorgen zudem Podest- und Plattformleitern. Kommen Leitern dennoch zum Einsatz, ist auf den fachgerechten Umgang mit ihnen zu achten. Dazu müssen Verantwortliche die Beschäftigte im Umgang mit Leitern regelmäßig und fachlich korrekt unterweisen.

Was sind die häufigsten Ursachen von Leiterunfällen?

Die meisten Absturzunfälle von Leitern gehen auf mangelnde Standfestigkeit zurück. Eine weitere Unfallursache sind Beschädigungen der Leiter oder die Wahl eines für die jeweilige Tätigkeit ungeeigneten Modells. Aber auch menschliches Fehlverhalten spielt eine Rolle: Ungeplante und improvisierte Arbeiten oder Zeitdruck führen zu unbedachten Handlungen, die wiederum das Unfallrisiko erhöhen. Dazu zählen beispielsweise übermäßiges Hinausbeugen und Arbeiten mit Geräten, die eine zu große Kraftrückwirkung haben. Schnell verliert man so das Gleichgewicht und fällt von der Leiter.

Worauf sollten Beschäftigte achten, wenn Sie Leitern nutzen?

Die Leiter darf keine Beschädigungen aufweisen und sollte schmutzfreie, profilierte Sprossen oder Stufen besitzen. Ebenso sollte der Nutzer festsitzendes Schuhwerk mit einer guten Sohle tragen. Ein sicherer Stand der Leiter ist ein weiterer Sicherheitsaspekt. Auf weichem Boden verhindern lastverteilende Unterlagen ein Einsinken. Gummiaufsätze oder Stahlspitzen vermeiden ein Wegrutschen und einseitige Holmverlängerungen erlauben ein sicheres Aufstellen auf unebenem Boden oder Treppen. Eine optimale Sicherung gegen Umstürze kann durch Festbinden des Leiterkopfes mit Stricken oder Zurrbändern gewährleistet werden.

Handelt es sich um Anlegeleitern, muss auch der Anlagepunkt am oberen Ende korrekt gewählt sein. Spanndrähte, Glasflächen, Tore und sonstige bewegliche Teile sind nicht sicher! Je nach Leitermodell muss ein Anstellwinkel zwischen 60 und 76 Grad beachtet werden. Neuere Modelle verfügen über einen integrierten Neigungswinkelanzeiger. Alternativ kann eine Ellenbogenprobe durchgeführt werden, bei der man einen Ellenbogen im rechten Winkel seitlich vom Körper wegstreckt. Die gedachte Linie zwischen Fuß und Ellenbogen entspricht in etwa dem richtigen Anstellwinkel. Übrigens: beim Einsatz im Verkehrsbereich sind wirksame Absperrungen oder Sicherungsposten auf dem Boden erforderlich.

Zum Jahresbeginn ist eine neue Leiternorm – die DIN EN 131 – in Kraft getreten. Welche Neuerungen enthält die aktualisierte Norm?

Die Norm richtet sich in erster Linie an Firmen und Prüfinstitute, die Leitern herstellen oder zertifizieren. Die wichtigste Änderung betrifft alle tragbaren Anlegeleitern mit einer Länge von mehr als drei Metern. Diese müssen künftig eine größere Standbreite besitzen – entweder durch eine Quertraverse oder durch eine sogenannte konische Bauweise. Das gilt auch für aufgesetzte Schiebeleiterteile. Sind diese länger als drei Meter, dürfen sie nur von der Leiter trennbar sein, wenn sie mit einer Traverse ausgestattet sind, die die neuen Standbreiten-Anforderung erfüllt. In Zukunft werden außerdem zwei Nutzungsgruppen von Leitern unterschieden: der gewerbliche und private Gebrauch. Leitern für den gewerblichen Gebrauch müssen aufgrund der erhöhten Anforderungen im beruflichen Umfeld strengere Prüfgrundlagen erfüllen, als es für die private Nutzung vorgeschrieben ist.

Dürfen ältere Leitern noch verwendet werden?

Im Prinzip ja – wenn eine Leiter zum Zeitpunkt des Inverkehrbringens den gültigen Rechtsvorschriften entsprach, darf sie auch nach einer Aktualisierung der Rechtsvorschrift verwendet werden. Allerdings müssen alle Betriebe Gefährdungsbeurteilungen für ihre Arbeitsmittel erstellen. Sollte dabei herauskommen, dass die Standsicherheit der Leitern nicht gewährleistet ist, empfiehlt die DGUV, die entsprechenden Leitern mit einer Traverse nachzurüsten.

 

Hintergrund:

Die Fachveranstaltungen der BGHM

Auf Fachveranstaltungen informiert die BGHM über neue Entwicklungen und Erkenntnisse im Arbeitsschutz der Branchen Holz und Metall. Die Veranstaltungen richten sich an BGHM-Mitgliedsunternehmen und bieten Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch – immer mit einem Ziel: Sicher und gesund arbeiten und Unfälle verhüten.

Die BGHM stellt über die Veranstaltung hinaus vielfältige Informationen zum Arbeiten mit Leitern zur Verfügung. Nutzen Sie dazu die Dokumentenbibliothek unter www.bghm.de, Webcode 1577.