Manipulation von Schutzeinrichtungen

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Unter Manipulation versteht man das bewusste und rechtswidrige Umgehen oder unwirksam Machen von Schutzeinrichtungen an Maschinen. Mit welchen Mitteln das erfolgt, ist dabei unerheblich. Manipulierte Schutzeinrichtungen stellen eine immens hohe Unfallgefahr dar – was lässt sich dagegen unternehmen?

Leider werden Schutzeinrichtungen nach wie vor unwirksam gemacht. Eine berufsgenossenschaftliche Studie hat gezeigt, dass rund ein Drittel aller Schutzeinrichtungen an Maschinen zeitweise oder permanent manipuliert sind. Dies geschieht unabhängig vom Alter der Maschine und betrifft auch neue Maschinen mit CE-Kennzeichnung. Das Risikobewusstsein ist gering: Während sich 90 Prozent der an betroffenen Maschinen arbeitenden Personen über den manipulierten Zustand der Maschine bewusst sind, erkennen dabei nur knapp 7 Prozent eine erhöhte Unfallgefahr. Tatsächlich aber sind gut ein Viertel aller Arbeitsunfälle an
Maschinen auf die Manipulation von Schutzeinrichtungen zurückzuführen.

Pflichten der Hersteller und Betreiber

Hersteller und Betreiber sind verpflichtet, gesetzliche Vorgaben zum Schutz der mit Aufbau, Inbetriebnahme, Bedienung, Einrichtung, Instandhaltung und Demontage der Maschine betrauten Personen einzuhalten. Kommt eine der dabei handelnden Personen zu Schaden, weil gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten wurden, muss mit strafrechtlichen Folgen gerechnet werden. Je nach Fallkonstellation kann das den Hersteller oder Betreiber betreffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es aufgrund einer manipulierten Schutzeinrichtung zu einem Unfall gekommen ist.

Die Herstellfirma ist durch das Produktsicherheitsgesetz dazu verpflichtet, die Anforderungen der EG-Maschinenrichtlinie einzuhalten. Die Schutzeinrichtungen müssen derart ausgeführt sein, dass eine Manipulation auf einfache Weise, das heißt mit leicht verfügbaren Hilfsmitteln (zum Beispiel Draht, Blechstücke, Ersatzbetätiger von Positionsschaltern) nicht möglich ist. Zudem darf eine Schutzeinrichtung die Arbeit nicht mehr als nötig behindern. Schon bei der Konstruktion ist also Kreativität und Verantwortungsbewusstsein gefragt. Für die Maschine müssen gegebenenfalls verschiedene Betriebsarten vorhanden sein, die zum
Beispiel das gefahrlose Einrichten, Warten und Suchen von Fehlern ermöglichen.

Die Betreiber sind verantwortlich für den sicheren Betrieb der Maschine. Für sie gelten die Anforderungen des Arbeitsschutzgesetzes und der Betriebssicherheitsverordnung. Von zentraler Bedeutung ist die Gefährdungsbeurteilung für Maschinen oder Arbeitsmittel, mit der soweit möglich bereits vor der Beschaffung begonnen werden muss. Schon bei der Beschaffung müssen die verantwortlichen Personen auf ein Schutz- und Bedienkonzept des Herstellers achten, das die Entstehung eines Manipulationsanreizes so weit wie möglich verhindert. Bei bereits im Betrieb genutzten Maschinen sind Manipulationshandlungen an Schutzeinrichtungen zu unterbinden und manipulierte Schutzeinrichtungen wieder in den sicheren Zustand zu versetzen. Auch die Bedienperson ist dazu verpflichtet, Arbeitsschutzmaßnahmen zu unterstützen. Dazu gehört, Maschinen und ihre Schutzeinrichtungen bestimmungsgemäß zu benutzen. Außerdem müssen festgestellte Mängel unverzüglich beseitigt oder – sollte dies nicht möglich sein – den Vorgesetzten gemeldet
werden.

Ursachen für Manipulation

Häufig werden Schutzeinrichtungen dann manipuliert, wenn sich für das Bedienpersonal dadurch Vorteile ergeben. Ursachen können beispielsweise sein:

  • das Fehlen geeigneter Betriebsarten für notwendige manuelle Eingriffe,
  • fehlende Möglichkeiten zur Prozessbeobachtung oder
  • reine Zeitersparnis.

Dabei ist es unerheblich, ob die Tätigkeit an der Maschine häufig oder nur sehr selten durchgeführt wird, da eine Manipulation nicht zwangsläufig wieder rückgängig gemacht wird. Eine für seltene Eingriffe durchgeführte Manipulation kann so zu einer ständig manipulierten Schutzeinrichtung führen. Zur Ermittlung des Manipulationsanreizes wurde vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) eine App entwickelt, die den Anreiz zur Manipulation einer Schutzeinrichtung für jede an der Maschine durchzuführende Tätigkeit ermittelt.

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Manipulation per Knopfdruck? So einfach darf es nicht gehen. Daher ist der Hersteller schon bei der Konstruktion in der Pflicht: Schutzeinrichtungen müssen derart ausgeführt sein, dass eine Manipulation auf einfache Weise nicht möglich ist.

Maßnahmen gegen Manipulation

In der Praxis wird an Manipulationen von Schutzeinrichtungen kaum Anstoß genommen, sodass bei der Konstruktion einer Maschine auch kein Anlass zur Verbesserung ihres Schutzkonzepts gesehen wird. Manipulationshandlungen an Maschinen können jedoch nur dann erfolgreich eingedämmt werden, wenn an allen Stellen im Lebenszyklus einer Maschine entsprechende Maßnahmen getroffen werden. Diese müssen seitens der betreibenden Firma bereits bei der Auswahl und beim Einkauf der Maschine greifen.
Maßnahmen sind zu klassifizieren in solche, die

  • eine Manipulation vermeiden,
  • eine Manipulation erschweren oder
  • eine Manipulation erkennbar machen.

Insbesondere bei Sonder- und Spezialmaschinen ist die erste und wichtigste Grundlage für die Herstellfirma bei der Entwicklung des Schutzkonzepts das Lastenheft des späteren Betreibers. Darin werden die Anforderungen an die Maschine definiert. Im Lastenheft sollen alle maschinenspezifischen Tätigkeiten und Lebensphasen bedacht werden. Dadurch kann verhindert werden, dass eine Maschine für ihren vorgesehenen Einsatzzweck letztlich ungeeignet ist. Bei Serienmaschinen ergibt sich das Schutzkonzept in der Regel aus einer harmonisierten EG-Produktnorm. Aber auch hier ist zunächst zu klären, ob die Maschine tatsächlich für den Anwendungsfall geeignet ist. Zuweilen bietet die Einführung von Sonderbetriebsarten eine Möglichkeit, das sichere Anwendungsspektrum der Maschine normkonform zu erweitern. Hilfestellung bietet hier die DGUV Information FB HM-002 „Prozessbeobachtung in der Fertigung“.

Die Maßnahmen, um Manipulationen zu erschweren und zu erkennen sind vielfältig. Dazu zählen zum Beispiel die Nutzung codierter Positionsschalter, die möglichst verdeckt eingebaut werden oder eine zyklische Abfrage der Schalterbetätigung durch die Maschinensteuerung („Ein Schalter, der nie anspricht, ist wahrscheinlich manipuliert“).

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Um Manipulationen im Unternehmen zu verhindern, ist es wichtig, offen darüber zu sprechen.

Beschaffung neuer Maschinen

Die Anforderungen der Betriebssicherheitsverordnung haben unmittelbare Auswirkung auf den Beschaffungsprozess einer Maschine. So hat die betreibende Firma bereits vor der Beschaffung einer Maschine eine Gefährdungsbeurteilung unter Beteiligung der im Betrieb tätigen Personen und Sicherheitsfachkräfte durchzuführen. Neben den technischen Eigenschaften der Maschine muss auch das Ergebnis dieser Gefährdungsbeurteilung im Lastenheft oder der Bestellspezifikation festgehalten werden. In diesen Dokumenten müssen darüber hinaus alle an der Maschine vorkommenden Tätigkeiten beschrieben sein. Dazu zählen insbesondere das Einrichten der Maschine, Eingriffsmöglichkeiten zum Werkstückwechsel und Möglichkeiten zur Reinigung und zur Fehlersuche.

Bei der Bestellung sowohl von Serien- als auch von Sondermaschinen sollte die betreibende Firma die zuständige Sicherheitsfachkraft und die zukünftig an der Maschine arbeitenden Personen in die Überprüfung
des Pflichtenhefts oder die Sichtung der Angebote einbeziehen. Eine Checkliste für den Maschineneinkauf,
die den Manipulationsanreiz berücksichtigt, ist unter www.stoppmanipulation.org zu finden. Eine Checkliste zur Prüfung von Maschinen vor Erstinbetriebnahme wird von verschiedenen Berufsgenossenschaften angeboten. Hier ist die zuständige Aufsichtsperson der richtige Ansprechpartner.

Bestandsmaschinen

Wurde an einer bereits im Betrieb genutzten Maschine die Manipulation einer Schutzeinrichtung festgestellt, muss die Maschine sofort wieder in einen sicheren Zustand versetzt werden. Darüber hinaus sind die Gründe zu analysieren, die zu der Manipulation geführt haben. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, im Gespräch mit den Beteiligten die Ursachen für die Manipulation zu ermitteln. Als Hilfestellung für die Analyse und Dokumentation steht auf www.stopp-manipulation.org eine Checkliste zur Ermittlung von Manipulationsursachen zur Verfügung.

Sind die Ursachen bekannt und tiefer gehend als eine reine Zeitersparnis, müssen technische Maßnahmen zur Beseitigung der Ursachen ergriffen werden. Hier kann es sinnvoll sein, für die Entwicklung eines alternativen Schutzkonzepts die Unterstützung des Herstellers oder der Lieferfirma Nachrüsten einer Betriebsart zum Einrichten der Maschine kann hier den Manipulationsanreiz und das durch Manipulation entstehende Risiko senken.

Wichtig: Offener Umgang im Unternehmen

Neben dem Umsetzen technischer Maßnahmen ist es wichtig, wie mit dem Thema Manipulation im Unternehmen grundsätzlich umgegangen wird: Hat sich die Geschäftsführung eindeutig gegen die Manipulation von Schutzeinrichtungen positioniert? Gibt es für die Bedienpersonen Wege, Missstände anzusprechen, noch bevor es zur Manipulation einer Schutzeinrichtung kommt? Darüber hinaus gilt es, die Bedienpersonen in das neue Schutzkonzept einzubinden und ihnen in einer Schulungsmaßnahme die vorgenommenen
Änderungen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsablauf zu vermitteln. Ob die Maßnahmen den gewünschten Erfolg haben, lässt sich nur durch nachträgliche Kontrollen ermitteln. Dazu gehören regelmäßige Stichproben und wiederkehrende Prüfungen.

Christoph Meyer und Harald Sefrin, BGHM

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