Sicherer Arbeitsweg

Schwerpunktthema in der BGHM-Aktuell

Irgendwie muss ich doch zur Arbeit kommen


Im Laufe der letzten Jahre haben die Distanzen zwischen Wohnort und Arbeitsstätte kontinuierlich zugenommen. Arbeitsnah zu wohnen wird für Beschäftigte immer schwieriger. Damit werden die Wege zur Arbeit zunehmend aufwändiger und gefährlicher.

 

Wer das Glück hat, sich einem gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehrsnetz anvertrauen zu können, geht damit den größten Gefährdungen im Straßenverkehr aus dem Weg. Viele Beschäftigte sind jedoch auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen. Ob das Fahrzeug vier, drei oder zwei Räder hat, beeinflusst die persönliche Sicherheit im Straßenverkehr durchaus maßgeblich.

Das Unfallgeschehen auf deutschen Straßen geben die Zahlen des Statistischen Bundesamtes wieder. Mit Blick auf die Unfallfolgen steht dem positiven Trend der Jahre 2012 und 2013 nun wieder ein Anstieg gegenüber: mehr Verletzte und mehr getötete Verkehrsteilnehmer im Jahr 2014. Im Zuständigkeitsbereich der BGHM mit mehr als 4,5 Millionen Versicherten lag die Zahl der im letzten Jahr bei Wegeunfällen getöteten Beschäftigten bei 59. Im Vergleich dazu: Bei Arbeitsunfällen kamen im gleichen Zeitraum 56 Menschen ums Leben. Das Bild über das Unfallgeschehen wird allerdings erst dann aussagekräftig, wenn die Unfallzahlen hinzukommen: Es ereignen sich etwa acht Mal so viele Arbeitsunfälle (155.771) wie Wegeunfälle (18.937). Dennoch werden auf dem Arbeitsweg mehr Menschen getötet. Auch die Schwere der Verletzungen ist bei einem Wegeunfall größer als beim Unfall am Arbeitsplatz. Diese Zusammenhänge lassen sich über viele Jahre hinweg beobachten, aber offenbar bisher nicht nachhaltig beeinflussen. Dieser Umstand darf allerdings nicht als Rechtfertigung verstanden werden, dass die Verantwortlichen in den Betrieben die Problematik der Wegeunfälle nicht in ihre Präventionsarbeit einbeziehen. Im Gegenteil: Es müssen effektivere Wege gefunden werden, den Beschäftigten die Bedeutung des sicheren Verhaltens auf dem Arbeitsweg zu vermitteln.

Jeder, der mit einem motorisierten Fahrzeug am Straßenverkehr teilnehmen will, muss eine entsprechende Ausbildung mit Theorie und Praxis absolvieren. Junge Menschen können es in der Regel kaum erwarten, endlich auch den Führerschein zu machen, denn er eröffnet ihnen mehr Mobilität. Die Fahrschulausbildung ist im Wesentlichen regelbasiert. Regeln sind notwendig, damit im dichten Verkehr ein sicheres Miteinander möglich ist. Regeln nach ihrer Sinnhaftigkeit in Frage zu stellen und auch zu brechen, liegt offenbar im Wesen des Menschen. Dabei sind die Forderungen in der Straßenverkehrsordnung (StVO) vernünftig und sinnvoll. So heißt es im Paragraf 1 der StVO:

  1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
  2. Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Risiken vermeiden!

Die Forderungen scheinen sich jeweils auf Andere zu beziehen. Wie aber steht es um die eigene Gefährdung? Offenbar vertraut der Gesetzgeber auf den Selbsterhaltungstrieb des Fahrzeugführers. Die eigene Fahrweise so einzurichten, dass den anderen – und sich selbst – kein Schaden zugefügt wird, setzt das Vermeiden von Risiken voraus. Deshalb müssen diese erkannt und Sicherheitsreserven eingeplant werden, damit ein Fehler nicht gleich zu einem Unfall führt. Diese Überlegungen stellen aber junge Fahrerinnen und Fahrer häufig nicht an, weshalb sie in der Unfallstatistik auch vermehrt auftauchen.

Eine grafische Darstellung des statistischen Bundesamts zeigt die Altersverteilung der Bevölkerung in Deutschland sowie die Zahl der Verunglückten der jeweiligen Altersgruppe, gegliedert nach Leichtverletzten und Getöteten oder Schwerverletzten und nach Geschlecht. Die Kurven zeigen einen starken Anstieg ab einem Alter von etwa 16 Jahren, erreichen ein Maximum bei 19 Jahren und fallen dann über mehrere Jahre hinweg wieder ab. Grundsätzlich ist der Kurvenverlauf bei Männern und Frauen gleich, die Ausprägung des Maximums ist jedoch bei Männern stärker. Und: Junge Erwachsene verunglücken deutlich häufiger als andere Altersgruppen in einem Pkw. Der Pkw stellt im Unfallgeschehen junger Erwachsener also den wichtigsten Fahrzeugtyp.

Mit Blick auf den Unfallort spielen Landstraßen die herausragende Rolle, wobei sich zahlreiche Unfälle ohne das Zutun weiterer Verkehrsteilnehmer ereignen. Was sind die Ursachen dafür? Auf Landstraßen steht den Verkehrsteilnehmern in jede Richtung nur eine Fahrspur zur Verfügung. Der Verlauf ist von unübersichtlichen Stellen und Kurven geprägt. Langsame Fahrzeuge bestimmen die Geschwindigkeit. Die Möglichkeiten zum Überholen sind begrenzt. Zudem können landwirtschaftlicher Verkehr und Tiere die jeweilige Situation plötzlich verändern. Fahrzeugführer benötigen also ein persönliches Risikomanagement, zum Beispiel für Kurvenfahrten:

  • Wie schnell kann ich die Kurve fahren?
  • Ist sie übersichtlich?
  • Muss ich mit Radfahrern, Fußgängern oder Traktoren in der Kurve rechnen?
  • Muss ich mit Wild rechnen?
  • Wie wirkt sich Gegenverkehr aus?
  • Wird der schnelle Motorradfahrer auch mit dem Kopf auf seiner Straßenseite bleiben?
  • Wie reagiere ich, wenn ich versehentlich auf den Randstreifen komme?
  • Wie griffig ist der Straßenbelag?
  • Wie ist der Zustand meines Fahrzeugs (Stoßdämpfer, Bereifung)?
  • Ist mein Können als Fahrer wirklich so gut wie ich glaube?

Dies muss blitzschnell beantwortet und das richtige Verhalten daraus abgeleitet werden. Es ist also vorausschauendes Handeln gefragt, denn ohne Sicherheitsreserven kann es schnell zum Unfall kommen. Außerdem sind diese Analysen so zu verinnerlichen, dass sie automatisch ablaufen; nur bildet sich dieser „siebte Sinn“ erst mit zunehmender Erfahrung aus. Das Unfallgeschehen zeigt leider, dass das beschriebene Risikomanagement nicht immer präsent ist. Denn häufig genug gibt es Situationen, in denen andere Verkehrsteilnehmer die eigenen Fehler kompensieren müssen – was tunlichst die Ausnahme bleiben sollte.

Ein Stück Individualität

Das eigene Fahrzeug ist eines der letzten Refugien, in der Menschen eine Möglichkeit sehen, sich selbst zu verwirklichen: Fahrzeugmarke, Größe, Farbe, technische Ausstattung – diese Merkmale bestimmen den Kauf. Die Teilnahme am Straßenverkehr, zusammen mit vielen anderen Verkehrsteilnehmern, bringt die Selbstbestimmung aber schnell an ihre Grenzen. Dichter Verkehr mit Staus, das Verhalten der anderen und dazu noch die Vorschriften der Straßenverkehrsordnung schränken das eigene Fahrverhalten ein und sorgen zudem für Zeitverluste. Gerade der Faktor Zeit spielt aber auf dem Weg zur Arbeit – und selbstverständlich auch auf dem Heimweg – eine entscheidende Rolle. Wer kommt schon gern zu spät an den Arbeitsplatz oder nach Hause? Das eigene schnelle Vorankommen, in Verbindung mit beruflich oder privat bedingtem Zeitdruck, wirkt sich auf die Bereitschaft aus, sich über Vorschriften und Regeln der Fairness hinwegzusetzen und das Recht des Stärkeren zu praktizieren. Häufig genug mit fatalen Folgen. Insbesondere Verkehrsteilnehmer mit Fahrzeugen, denen ein schützendes Blechkleid fehlt, wie Fahrrad- und Motorradfahrer, können von derartigem Verhalten betroffen sein. In einer Presseerklärung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) heißt es: „Bedenklich stimmen die Zunahmen der getöteten Radfahrer um 11,9 Prozent und um 5,1 Prozent bei den motorisierten Zweiradfahrern.“

Insbesondere die Sicherheit schwächerer Verkehrsteilnehmer hängt häufig vom Verhalten der stärkeren Verkehrsteilnehmer ab. Ein Grundproblem dabei: Zweiradfahrer werden häufig übersehen. Motorradfahrer, weil sie teilweise sehr schnell unterwegs sind, Fahrradfahrer, weil sie sich im toten Winkel anderer Fahrzeuge bewegen und – je nach Verkehrssituation – auch schon mal unerwartet die Rechte von Fußgängern für sich in Anspruch nehmen. Vorausschauendes, defensives Verhalten und Rücksichtnahme sind hier gefordert – selbstverständlich von beiden Seiten. Auch auffällige Kleidung kann helfen. Warum nicht einfach eine Warnweste überziehen? Schließlich muss Motorradkleidung nicht schwarz sein. Trotz alledem: Auch bei defensiver und vorausschauender Fahrweise bleiben Motorrad und Fahrrad die Verkehrsmittel mit den höheren Risiken.

Wie steht es um die Beherrschung?

Ob Auto, Motorrad oder Fahrrad, das richtige Verhalten in einer Gefahrensituation kann Unfälle verhindern. Und das lässt sich trainieren. Automobil- und Fahrrad-Clubs bieten entsprechende Trainings für ihre jeweilige Klientel an. Je nach Fahrzeugart lernen und erfahren die Teilnehmer in Theorie und Praxis:

  • die Grundlagen der Fahrphysik
  • das Basiswissen der Reifenkunde,
  • das richtige Bremsen,
  • das Ausweichen vor plötzlichen Hindernissen sowie
  • das Meistern kritischer Situationen.

Wer zum ersten Mal an einem solchen Training teilnimmt, ist nicht selten erstaunt über die Zusammenhänge. Zudem wird Teilnehmenden oft bewusst, dass die eigene Reaktion in kritischen Verkehrssituationen ohne das Wissen aus dem Fahrsicherheitstraining sicherlich eine andere gewesen wäre. Den Aspekt „Vorausschauendes Fahren“ behandelt insbesondere das DVR-Angebot „Fahr und Spar mit Sicherheit“. Erfahrene Trainer begleiten die Teilnehmenden im realen Straßenverkehr und machen ihnen deutlich, dass vorausschauendes Fahren nicht nur zu einem geringeren Energieverbrauch führt, sondern auch Vorteile für die Sicherheit bringt.

Um Beschäftigten zu vermitteln, dass dem Betrieb das Thema „Sicherer Arbeitsweg“ wirklich wichtig ist, müssen sie von den Vorgesetzten angesprochen werden. Dazu eignen sich beispielsweise Unterweisungen im kleinen Kreis, die ohnehin mindestens einmal jährlich durchgeführt werden müssen. Auch bei betrieblichen Gesundheitstagen sollte das Thema auf dem Programm stehen. Die BGHM und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat unterstützen dabei. Dazu gehören unter anderem Übungen am Fahrsimulator sowie das Befreien aus einem umgestürzten Auto. Jeder Einzelne kann viel für seine und die Sicherheit anderer im Straßenverkehr tun. Die Betriebe können und sollten diesen Prozess aktiv unterstützen.

                                                                                                             Manfred Stoll/Peter Hackenberg

WEITERE INFORMATIONEN:
im Internet unter www.bghm.de, Webcode 499

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