Lärm

Schwerpunktthema in der BGHM-Aktuell

Beschäftigte im produzierenden Gewerbe sind während eines großen Anteils ihrer Arbeitszeit dem schädlichen Einfluss von Lärm ausgesetzt. Hinter dem Begriff „Lärm“ steckt aber keine physikalische
Größe, sondern eine Definition.


In der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung heißt es: Lärm im Sinne dieser Verordnung ist jeder Schall, der zu einer Beeinträchtigung des Hörvermögens oder einer sonstigen mittelbaren oder unmittelbaren Gefährdung von Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten führen kann.

Die Bandbreite möglicher Lärmquellen reicht dabei von täglich nur kurzzeitig benutzten, handgehaltenen Werkzeugmaschinen über Bearbeitungszentren bis hin zu ständig betriebenen verketteten Produktionsanlagen. Arbeitslärm kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen und die betriebliche Unfallgefahr, beispielsweise durch das eingeschränkte Hören von Warnsignalen an Maschinen und auf Verkehrswegen, erhöhen.

Bei Beschäftigten, die über Jahre hohen Dauerlärm-Expositionen von 85 dB(A) oder mehr ausgesetzt sind, kann sich eine fortschreitende chronische Lärmschwerhörigkeit mit audiometrisch nachweisbaren Merkmalen einer Innenohrschwerhörigkeit entwickeln. Darüber hinaus ist es aber auch durch kurzzeitige Lärmereignisse, wie z. B. Verpuffungen, Explosionen oder extrem laute Schlaggeräusche möglich, dass akute (vorübergehende oder irreversible) Gehörschädigungen auftreten. In diesen Fällen handelt es sich um Knall- oder Explosionstraumen, bei denen, für einige Millisekunden, ein Spitzenschalldruckpegel von LpCpeak = 150 dB(C) überschritten wurde, oder um akustische Unfälle, die eintreten können, wenn unter einer Zwangshaltung des Kopfes einige Minuten lang Pegel von 90 dB(A) und mehr auftreten. Die Folgen solcher Gehörschädigungen wirken sich für die Betroffenen auf das gesamte weitere Berufs- und Privatleben aus. Schwerhörige müssen Strategien entwickeln, um weiterhin mit den Menschen in ihrem Umfeld zu kommunizieren und sind ab einem gewissen Grad der Schädigung auf Hörgeräte angewiesen.

Aber auch weit unterhalb von gehörschädigenden Expositionspegeln kann Arbeitslärm als extraaurale Geräuscheinwirkung über eine zeitweilige Belästigung und Beeinträchtigung hinaus die Betroffenen gesundheitlich schädigen: Dauerlärm kann psychische oder vegetative Störungen, wie z. B. Kreislaufstörungen, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit auslösen.

Gesetzliche Grundlagen

Zur Vermeidung gesundheitlicher Schädigungen durch Arbeitslärm muss die Unternehmensleitung das Bestehen einer konkreten Gefährdung im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung prüfen und, falls vorhanden, geeignete Maßnahmen planen, durchführen und auf Schutzzielerfüllung hin kontrollieren. Mit Blick auf den am Arbeitsplatz herrschenden Lärm, hat der Gesetzgeber in der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung die Maßnahmen festgelegt, die beim Erreichen und Überschreiten der Auslösewerte der Tages-Lärmexpositions- und Spitzenschalldruckpegel umzusetzen sind.

Der Tages-Lärmexpositionspegel LEx,8h ist der repräsentativ ermittelte A-bewertete energieäquivalente Dauerschallpegel, der über eine Zeitdauer von acht Stunden auf den jeweiligen Arbeitsplatz einwirkt und zur Ableitung von Maßnahmen mit der unteren Auslöseschwelle LEx,8h = 80 dB(A) und der oberen Auslöseschwelle LEx,8h = 85 dB(A) verglichen wird. Treten innerhalb einer Arbeitswoche stark unterschiedliche Tages-Lärmexpositionspegel auf (z.B. zweimal wöchentlich Werkstatt, dreimal wöchentlich Montagetätigkeiten), so kann ein Wochen-Lärmexpositionspegel LEx,40h mit einer Bezugszeit von 40 Stunden ermittelt werden.

Der C-bewertete Spitzenschalldruckpegel LpCpeak ist der Höchstwert am Arbeitsplatz. Die Pegel des unteren Auslösewertes LpCpeak = 135 dB(C) und des oberen Auslösewertes LpCpeak = 137 dB(C) stellen hierbei Präventionswerte für die langjährige Exposition dar, eine akute Gehörgefährdung durch ein einmaliges Schallereignis (Knall-/Explosionstrauma) kann also bei Einhaltung dieser Werte sicher ausgeschlossen werden.

Im Unterschied zu den Auslösewerten, deren Erreichen und Überschreiten bestimmte Schutzmaßnahmen vorschreibt, ist in den maximal zulässigen Expositionswerten (LEX,8h = 85 dB(A) und LpC,peak = 137 dB(C)) die Dämmung des Gehörschutzes mit eingerechnet. Zum konkreten Vorgehen bei der Ermittlung und Beurteilung von Arbeitslärm und der Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen bieten unter anderem die Technischen Regeln zur Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (TRLV) eine Arbeitshilfe.

Gefährdungsbeurteilung

Die Gefährdungsbeurteilung ist ein wichtiges Instrument des betrieblichen Arbeitsschutzes und dient der systematischen Überprüfung von Arbeitsplätzen hinsichtlich möglicher Gefährdungen und der jeweils zu ergreifenden Schutzmaßnahmen. Sie liegt in der Verantwortung von disziplinarischen Vorgesetzten und erfolgt oft in Zusammenarbeit mit internen oder externen Fachkräften für Arbeitssicherheit, den Sicherheitsbeauftragten, sowie den fachlich Verantwortlichen der Bereiche Planung, Produktion oder Instandhaltung.

Wegen der nachfolgenden komplexen Zusammenhänge muss die Unternehmensleitung sicherstellen, dass die Gefährdungsbeurteilung zu Lärmexpositionen nur von fachkundigen Personen durchgeführt wird. Meist verfügt sie nicht selbst über die entsprechenden Kenntnisse und lässt sich fachkundig beraten. In diesem Zusammenhang wird sie den fachkundigen Personen alle für die Gefährdungsbeurteilung erforderlichen Unterlagen und Informationen zur Verfügung stellen. Fachkundige für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung zu Lärmexpositionen sind Personen, die aufgrund ihrer fachlichen Ausbildung oder Erfahrungen ausreichende Kenntnisse über Tätigkeiten mit Lärmexposition haben. Sie sind mit den Vorschriften und Regelwerken soweit vertraut, dass sie die Arbeitsbedingungen vor Beginn der Tätigkeit beurteilen und die festgelegten Schutzmaßnahmen bewerten und überprüfen können. Umfang und Tiefe der notwendigen Kenntnisse sind häufig in Abhängigkeit von der zu beurteilenden Tätigkeit unterschiedlich.

Fachkundige Personen für die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung sind insbesondere die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin. Die Gefährdungsbeurteilung bei Exposition gegenüber Lärm verlangt Kenntnisse

  • zu den für die Beurteilung notwendigen Informationsquellen,
  • zu den Wirkungen von Lärm,
  • zu den lärmrelevanten Tätigkeiten im Betrieb,
  • zum Vorgehen bei der Beurteilung von Wechsel- und Kombinationswirkungen von Lärm und Warnsignalen, ototoxischen Substanzen oder Vibrationen,
  • zu den technischen, organisatorischen und personenbezogenen Schutzmaßnahmen,
  • zu alternativen Arbeitsverfahren,
  • zur Überprüfung der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen,
  • zur Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung.

Die Anforderungen an Schallpegelmessungen zur Ermittlung der Lärmexposition am Arbeitsplatz legt die DIN EN ISO 9612:2009 fest, deren Anwendungsbereich sich auf die gehörschädigende Wirkung von Arbeitslärm bezieht. Sie beschreibt das Vorgehen bei Arbeitsanalysen und Messungen, die einzusetzenden Messgeräte (Handschallpegelmesser, Dosimeter), die unterschiedlichen Strategien von Messverfahren, wie z. B. tätigkeitsbezogene, berufsbildbezogene oder Ganztagesmessung, sowie die Ermittlung von Unsicherheitsangaben der Messwerte.

Bei der Messung und Beurteilung von extraauralen Geräuscheinwirkungen bei Schalldruckpegeln unterhalb der Gehörgefährdung ( 85 dB(A)) sind die DIN 45645-2:2012 und die VDI-Richtlinie 2058, Blatt 3 zu berücksichtigen. Bezogen auf bestimmte berufliche Tätigkeiten fordern sie die Einhaltung von Beurteilungspegeln. Als Richtwerte des Standes der Technik können diese, je nach Lärmcharakteristik, noch Zuschläge für die Impuls- und Tonhaltigkeit beinhalten.

Schutz vor Lärm

Mit dem Erreichen der oberen Auslöseschwelle (85 dB(A)) müssen die Verantwortlichen im Unternehmen in einem Lärmminderungsprogramm darlegen, wie sie die Lärmexposition für die Beschäftigten reduzieren wollen. Wie für alle Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz gilt auch beim Lärm die Maßnahmenhierarchie nach S-T-O-P. Wer lediglich der billigsten Maßnahme „Gehörschutz tragen“ den Vorzug gibt, macht es sich zu einfach, denn individuelle Maßnahmen wie das Austeilen von Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) dürfen erst nachrangig zu den anderen möglichen Maßnahmen zum Einsatz kommen.

Substitution (S) meint den Ersatz eines lärmintensiven Verfahrens oder einer lärmintensiven Maschine durch lärmarme Arbeitsweisen. Sie lässt sich in der Praxis meist nur mit erheblichem Aufwand umsetzen. Oft sind es auch Qualitätsanforderungen von Kunden, die dem entgegenstehen. Eine einfache und sehr wirksame Maßnahme ist der Ersatz konventioneller Druckluftdüsen durch lärmarme Düsen. Die Verwendung von Druckluft ist in vielen Betrieben eine der Hauptlärmquellen.

Mit technischen Lärmminderungsmaßnahmen (T) in Form von Lärmdämmung und -dämpfung lassen sich große Erfolge erzielen. Die Lärmdämmung verhindert oder reduziert die Schallabstrahlung und -ausbreitung von der Lärmquelle. Dies geschieht durch „Einhausen“ (Kapselung) der Lärmquelle mit schallreflektierenden Materialien. Zusätzliches Dämpfungsmaterial, das auf den Kapselwänden aufgebracht wird und den Schall absorbiert, reduziert den Lärmpegel noch weiter. Dabei wird Schallenergie in Wärme umgewandelt. Bei der kombinierten Lärmdämmung und-dämpfung ist unbedingt darauf zu achten, dass notwendige Öffnungen (Zufuhr und Austrag von Material) in der Lärmschutzkapsel eine Fläche von einem Prozent, bezogen auf die Kapsel-oberfläche, nicht übersteigen. Andernfalls geht wieder zu viel des Reduzierungseffekts verloren.

Auch über Veränderungen der Raumakustik lassen sich Lärmpegel reduzieren. Besteht der Arbeitsraum aus schallharten Wänden und Decken, so führt dies durch Reflexionen des von der Lärmquelle abgestrahlten Schalls zu einer Erhöhung des Lärmpegels. Absorbierende Materialien wirken diesem Effekt entgegen.

Organisatorisch (O) lässt sich die Lärmproblematik ebenfalls positiv beeinflussen. Werden beispielsweise bestimmte lärmintensive Arbeiten in Tageszeiten verlegt, in denen nur die ausführenden Beschäftigten dem Lärm ausgesetzt sind, so geht damit bereits die Reduzierung der Exposition für alle anderen Beschäftigten einher. An der Lärmexposition während dieser Tätigkeit ändert sich aber nichts.

Als personenbezogene Maßnahme (P) kommen Gehörschützer zum Einsatz. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen, Materialien und Farben. Manche werden im Gehörgang getragen, andere auf das Ohr aufgesetzt. Die Tragequote, das heißt die Akzeptanz für diese Form der PSA, ist leider nicht bei allen Beschäftigten gleich gut. Das Aufsetzen oder Einführen von Gehörschützern wird häufig als unangenehm empfunden und, da die Lärmeinwirkung nicht unmittelbar schmerzt, schon mal darauf verzichtet. An den Gehörschutz muss man sich gewöhnen, das geht nicht von heute auf morgen. Aber es lohnt sich, denn das Hörvermögen trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. Gute Erfahrungen haben viele Betriebe mit dem sogenannten individuell angepassten Gehörschutz (Otoplastik) gemacht. Dabei wird für die Beschäftigten ein Abdruck ihres Gehörgangs erzeugt, aus dem Gehörschutzstöpsel angefertigt werden. Sie zeichnen sich durch eine hohe Passgenauigkeit aus und weisen eine deutlich höhere Trageakzeptanz auf. Allerdings sind sie auch teurer und müssen zudem regelmäßig geprüft werden, um die Dämmwirkung zu erhalten.

Um die konkrete Lärmwirkung am Arbeitsplatz auf das Hörvermögen der Beschäftigten festzustellen, gibt es die arbeitsmedizinische Vorsorge. Diese hat das Unternehmen ab einem Tages-Lärmexpositionspegel von 80 dB(A) anzubieten. Es steht den Beschäftigten frei, ob sie daran teilnehmen. Ab 85 dB(A) ist die Teilnahme an der Vorsorge Pflicht. Der Arbeitsmediziner bzw. Betriebsarzt stellt über die arbeitsmedizinische Vorsorge eine Teilnahmebescheinigung aus.

Ob sich das Hörvermögen von Beschäftigten in Lärmbereichen während des Erwerbslebens verschlechtert, hängt sowohl von den betrieblichen Schutzmaßnahmen als auch von der Eigenverantwortung der Betroffenen ab. Der private Umgang mit Lärm darf dabei keinesfalls unberücksichtigt bleiben.

 

Uwe Nigmann / Peter Hackenberg, BGHM