"Nutzt Du die Leiter, denke weiter!"

Schwerpunktthema in der BGHM-Aktuell

Beim Einsatz von Leitern kommt es immer wieder zu Unfällen mit schweren Verletzungen. Oft hielten dabei die Leitern den alltäglichen Belastungen nicht stand. Deshalb ist es wichtig, schon beim Leiterkauf die vorgesehenen Einsatzbedingungen zu kennen und diese zu berücksichtigen.


Ein Großteil aller zu entschädigenden Leiterunfälle ist aber die Folge einer falschen oder gar sicherheitswidrigen Nutzung, wie:

  • keine Standfestigkeit der Leiter
  • übermäßiges Hinausbeugen
  • Arbeiten mit Geräten, die eine zu große Kraftrückwirkung auf den Benutzer haben

Dies zeigt: Oftmals ist es besser, anstelle der Leitern besser geeignete Einrichtungen wie Kleingerüste oder Hubarbeitsbühnen für die betreffenden Arbeiten zu verwenden. Außerdem sind die Unterweisungen von immenser Bedeutung. Die Benutzer der Leitern müssen im sicheren Umgang damit unterwiesen und die Leitern regelmäßig geprüft werden. Welche Anforderungen eine Leiter mindestens erfüllen muss, legt DIN EN 131 fest. Bei Leitern mit GS-Zeichen hat eine unabhängige Prüfstelle die Leiter geprüft und bestätigt, dass die Anforderungen eingehalten sind.

Leitern bestehen aus Holz, Aluminium, Stahl oder Kunststoff. Holzleitern sind mit einem witterungsbeständigen Überzug versehen; deckende Farbanstriche sind hingegen unzulässig, da sie das Erkennen von Schäden verhindern. Überwiegend eingesetzt werden:

  • Anlegeleitern
  • Stehleitern
  • Podestleitern
  • Mehrzweckleitern
  • Steigleitern

Den richtigen Umgang mit der Leiter beschreibt die Betriebsanleitung, die der Hersteller meist in Form eines Piktogramms an der Außenseite eines Leiterholms angebracht hat. Zusammen mit der Gefährdungsbeurteilung bildet die Betriebsanleitung die Basis für die regelmäßige Unterweisung der Benutzer. Diese müssen in der Lage sein, geeignete Leitern für den vorgesehenen Einsatzzweck auszuwählen und erkennen können, ob sich die Leiter in einem einwandfreien Zustand befindet.

Die Leiter als Arbeitsplatz?

Von Anlegeleitern dürfen nur Arbeiten geringen Umfangs ausgeführt werden. Dabei ist dieser Begriff keine reine Auslegungssache, denn die Abschätzung hat Dauer und Schwierigkeitsgrad der Arbeiten sowie den Umfang des auf der Leiter mitzuführenden Werkzeugs und Materials zu berücksichtigen. Zu beurteilen ist dabei, ob beim Arbeiten auf der Leiter geringere Gefahren auftreten, als z. B. bei der Verwendung eines Gerüstes, einschließlich dessen Auf- und Abbau. Die Unfallverhütungsvorschrift „Bauarbeiten“ verbietet grundsätzlich die Verwendung von Anlegeleitern als Arbeitsplatz. Ausnahmen sind jedoch zulässig, wenn:

  • der Standplatz auf der Leiter nicht höher als sieben Meter über der Aufstellfläche liegt
  • bei einem Standplatz von mehr als zwei Metern Höhe die von der Leiter auszuführenden Arbeiten nicht mehr als zwei Stunden umfassen
  • das Gewicht des mitzuführenden Werkzeugs und Materials 10 kg nicht überschreitet
  • keine Gegenstände mit Windangriffsfläche über 1 m² mitgeführt werden
  • keine Stoffe oder Geräte benutzt werden, von denen für die Beschäftigten zusätzliche Gefahren ausgehen
  • nur Arbeiten ausgeführt werden, die einen geringeren Kraftaufwand erfordern als den, der zum Kippen der Leiter erforderlich ist
  • der oder die Beschäftigte mit beiden Füßen auf der Sprosse steht.

Diese Voraussetzungen können zum Beispiel vorliegen bei:

  • Wartungs- und Inspektionsarbeiten
  • Verschraubung einzelner Montageteile
  • Montage- und Instandhaltungsarbeiten an Lüftungs-, Klima- und Heizungsanlagen

Bei der Beurteilung des Umfangs der von der Leiter auszuführenden Arbeiten ist deren Gesamtumfang und nicht der Umfang der von einer Person auszuführenden Arbeiten maßgebend. Das heißt: Bei der Montage einer Stahlhalle dürfen beispielsweise Verschraubungsarbeiten in einer Arbeitshöhe von etwa sechs Metern nicht von der Leiter ausgeführt werden, wenn diese gleichartigen Arbeiten insgesamt mehr als zwei Stunden dauern.

Bei Einsätzen in über sieben Meter Höhe sind entsprechende Alternativen (Steiger, Gerüst) zu benutzen. Bei Arbeiten auf Anlegeleitern dürfen die oberen drei Sprossen nicht betreten werden, da hier kein sicherer Stand mehr gewährleistet ist. Für die vorübergehende Ablage von Teilen bieten die Hersteller von Leitern Ablageschalen an, die an der Leiter eingehängt werden können.

Bei Sprossenstehleitern, die von beiden Seiten bestiegen werden können, ist die jeweils zweitoberste Sprosse nicht zum Betreten vorgesehen, sondern dient durch das Anlehnen der Beine dem besseren Halt auf der Leiter. Einen sicheren Stand bietet eine Stufenstehleiter mit einer Sicherheitsbrücke und einem hochgezogenen Haltebügel. Diese Leitern dürfen dann bis zur obersten Stufe bestiegen werden. Auch bei einer Stehleiter mit aufgesetzter Schiebeleiter dürfen die obersten vier Sprossen, die besonders gekennzeichnet sind, nicht bestiegen werden. Der gesamte obere Teil dient ausschließlich als Haltevorrichtung.

Bei Bauarbeiten sind Leitern als Verkehrswege (Aufstiege) zu Arbeitsplätzen nur zulässig, wenn der zu überbrückende Höhenunterschied nicht mehr als fünf Meter beträgt oder der Aufstieg nur für kurzzeitige Arbeiten benötigt wird. Mehr Sicherheit bieten Laufstege und Treppen. Von Stehleitern aus ist das Übersteigen auf andere hochgelegene Arbeitsplätze oder Einrichtungen nicht erlaubt. Die dabei auf die Leiter einwirkenden Horizontalkräfte können diese zum Umkippen bringen.

Sicher rauf und runter

Die Sprossen und Stufen von Leitern müssen frei von Schmutz sein. Festsitzendes Schuhwerk mit ausreichend profilierter Sohle sowie Leitern mit profilierten Sprossen und Stufen helfen, das Abrutschen zu vermeiden. Zudem sind Leitern auf ausreichend tragfähigem und stabilem Untergrund aufzustellen. Bei Anlegeleitern ist zusätzlich auf einen sicheren Anlegepunkt zu achten. Spanndrähte, Glasflächen, Tore und sonstige bewegliche Teile sind dafür nicht geeignet. Beim Einsatz von Leitern im Verkehrsbereich sind wirksame Absperrungen oder der Einsatz von Sicherungsposten erforderlich.

Anlegeleitern sind dann sicher zu begehen, wenn die Holme oder Wangen folgende Winkel zur Waagerechten bilden:

  • Sprossenanlegeleitern 65° – 76°
  • Stufenanlegeleitern 60° – 70°

In die Leiterholme integrierte Neigungswinkelanzeiger machen die Kontrolle des richtigen Anstellwinkels möglich. Sind diese nicht vorhanden, kann der Anstellwinkel durch die „Ellenbogenprobe“ überprüft werden.

Das Wegrutschen und Umkippen von Leitern kann durch die Wahl geeigneter Leiterfüße, je nach Untergrund z. B. Gummifüße oder Stahlspitzen, vermieden werden. Lastverteilende Unterlagen verhindern ein Einsinken auf weichem Boden. Einseitige Holmverlängerungen oder Sonderkonstruktionen der Füße erlauben auch das sichere Aufstellen auf unebenem Boden und auf Treppen. Das Festbinden des Leiterkopfes stellt bei Anlegeleitern eine optimale Sicherung gegen Umstürzen dar. Dafür sind den Beschäftigten Stricke oder Zurrbänder zur Verfügung zu stellen.

Prüfungen

Leitern sind regelmäßig durch eine vom Unternehmer beauftragte Person auf ihren ordnungsgemäßen Zustand zu prüfen. Dazu ist entsprechende Sachkunde erforderlich. Die Zeitabstände richten sich nach den Betriebsverhältnissen. Um alle Leitern zu erfassen, hat es sich bewährt, die Leitern zu nummerieren und ein Leiterkontrollbuch zu führen. Von Leiterherstellern sind Prüfunterlagen erhältlich. Diese Firmen führen auch Seminare zum Erwerb der nötigen Sachkunde durch. Unabhängig von den regelmäßigen Prüfungen sind Leitern vor jedem Einsatz durch den Benutzer einer Sicht- und Funktionsprüfung auf Eignung und Beschaffenheit zu unterziehen. Erkannte Risse im Material, gelockerte Sprossen sowie fehlende rutschhemmende Füße verbieten die Benutzung. Leitern mit solchen Mängeln sind der weiteren Benutzung zu entziehen. Eine besondere intensive Sichtprüfung ist bei ausgeliehenen Leitern, z. B. auf Bau- und Montagestellen, vor deren Erstbenutzung erforderlich. Bei der regelmäßigen Prüfung ist besonders zu achten auf:

  • Verwindung, Verbiegung
  • Materialschwächung (Abnutzung, Fäulnis)
  • Reparaturstellen
  • Bruchstellen
  • Risse (durchgehende Risse bei Holzleitern, Haarrisse bei Metallleitern)
  • Gängigkeit von Gelenken
  • Zustand der Leiterfüße
  • Zustand und Befestigung der Zusatzbauteile

Instandsetzung

Durch Verwendung von Originalersatzteilen des Herstellers lassen sich kleine Reparaturen an Leitern von entsprechend fachkundigen Personen bedenkenlos durchführen, z. B. der Ersatz von einzelnen Sprossen. Verformte Leitern oder Leitern mit Schäden an Holmen sind auszusondern und unbrauchbar zu machen. Alle unterwiesenen Beschäftigten können abgenutzte Leiterschuhe austauschen. Dazu sind die entsprechenden Leiterschuhe vor Ort vorzuhalten.

 

Wolfgang John, BGHM