Sucht am Arbeitsplatz

Schwerpunktthema in der BGHM-Aktuell

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Sucht als „das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und Chancen eines Individuums“.


Die Suchtarten unterscheidet man in stoffgebundene und nicht stoffgebundene. Bei stoffgebundenen Süchten, wie der Alkohol-, Nikotin- oder Cannabissucht, wirkt eine abhängig machende Substanz auf das Gehirn ein. Bei den stoffungebundenen Süchten, wie der  Kauf- oder der Spielsucht, handelt es sich dagegen um zwanghafte Verhaltensweisen. Sie lösen ähnliche Effekte im Gehirn aus wie die Einnahme stoffgebundener Drogen. Für alle Suchtarten gilt: Die Grenze zwischen riskantem Konsum oder Verhalten und einer Abhängigkeit ist mitunter fließend. Charakteristisch sind jedoch das unwiderstehliche Verlangen, die seelische und/oder körperliche Abhängigkeit von der Substanz oder dem Verhalten, die tendenzielle Steigerung der Dosis und auftretende Entzugserscheinungen, wie Zittern, Nervosität oder Schweißausbrüche bei Abstinenz.

Laut AOK-Gesundheitsverband stieg die Zahl der durch Suchtmittel verursachten Arbeitsunfähigkeitstage in den letzten zehn Jahren um rund 17 Prozent: Von 2,07 Millionen im Jahr 2002 auf 2,42 Millionen Fehltage im Jahr 2012. Die Hauptlast trägt dabei nach wie vor der Alkohol: Fast 44 Prozent aller suchtbedingten Arbeitsunfähigkeitsfälle entfallen auf dieses Suchtmittel.

Auch Medikamente können sich auf die Arbeitsfähigkeit auswirken. Richtig angewandt sind sie ein unerlässlicher Bestandteil der medizinischen Therapie. So machen die meisten Psychopharmaka bei verordneter Einnahme weder abhängig noch haben sie Nebenwirkungen, die die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Vielmehr verkürzen sie den Leidensweg der Betroffenen deutlich und damit auch deren Ausfallzeiten. Dagegen beeinträchtigen Schlaf- und Beruhigungsmittel die Leistungsfähigkeit ähnlich negativ wie Alkohol. Gefährdet sind unter anderem Menschen mit Wechselschicht, da sie wegen der Schlafstörungen eher zu solchen Medikamenten greifen. Verschiedenen Untersuchungen zufolge sind etwa zwei Prozent der Deutschen medikamentenabhängig.

Ein neues Phänomen am Arbeitsplatz ist das sogenannte Hirndoping, also die Einnahme verschreibungspflichtiger oder illegaler Substanzen zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit oder Verbesserung des emotionalen Befindens. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts ergab 2011, dass 1,5 Prozent der Deutschen zu solchen Mitteln greifen. Bei zunehmendem Leistungs-, Zeit- und Konkurrenzdruck ist allerdings ein langfristiger Anstieg denkbar. Mit Hilfe dieser Mittel (z. B. Antidepressiva, Betablocker, Amphetamine) versuchen die Konsumenten, ihre geistige Fitness und Konzentrationsfähigkeit zu steigern oder Stress abzubauen. Allerdings überschätzen sie dabei oft die Wirksamkeit dieser Substanzen, während sie deren Nebenwirkungen und dem Abhängigkeitsrisiko kaum Beachtung schenken.

Problemfall Lösungsmittel

Fünf Prozent der Deutschen haben schon einmal eine illegale Droge konsumiert. Hier führt Cannabis die Liste an, vor allem bei jungen Menschen, gefolgt von Amphetaminen, Kokain, Pilzen, Ecstasy und LSD. Eine Besonderheit in der Holz- und Metallbranche bilden die Lösungsmittel, die zum Beispiel in Klebstoffen, Farben, Lacken, Reinigungs- und Verdünnungsmitteln enthalten sind. Ihre Dämpfe können beim Einatmen ebenfalls einen Rausch herbeiführen. Solche Schnüffelstoffe sind leicht und legal zugänglich. Die Zahl der Konsumenten in der Arbeitswelt ist unbekannt.

Suchtmittel sind Zellgifte und können fast alle Organsysteme schädigen. So treten bei Alkoholmissbrauch insbesondere Leber-, Magenschleimhaut-, Bauchspeicheldrüsen-, Herz- oder Hirnschädigungen aber auch Nervenentzündungen auf. Aber nicht jeder Mensch, der Alkohol trinkt, wird abhängig. Ausschlaggebend für organische Schädigungen sind Menge und die Regelmäßigkeit.

Schleichender Prozess

Die Sucht entwickelt sich über verschiedene Stadien des Konsums. Anfangs verbindet der Konsument das Suchtmittel durchaus mit positiven Erlebniszuständen. Er fühlt sich entspannt, erleichtert oder nimmt Ängste als weniger bedrohlich wahr. Allerdings nimmt mit weiterem regelmäßigem Konsum die Fähigkeit ab, unangenehme Gefühle ohne Suchtmittel zu bewältigen. Letztendlich gewöhnt sich der menschliche Körper an das Suchtmittel und reagiert bei Abstinenz mit körperlichen Entzugserscheinungen.

Den Konflikt vieler Unternehmer beschreibt eine typische Aussage, mit der sich die Beraterinnen und Berater der BGHM immer wieder konfrontiert sehen: „Der Mitarbeiter arbeitet nun schon seit 30 Jahren bei uns, und ich möchte ihn auf jeden Fall im Unternehmen halten. Aber alle Gespräche haben bisher nichts gebracht, er steht immer wieder betrunken am Arbeitsplatz. Ich kann ihn doch nicht entlassen“. Es ist der Konflikt zwischen der Verantwortung für den Mitarbeiter und den notwendigen Konsequenzen. Oft verdrängen Führungskräfte deshalb das Problem – bis es nicht mehr geht. Und dann ist es meist schon sehr spät, etwas zu tun. Aber zu spät ist es nie!

Natürlich steht die betriebliche Prävention immer an erster Stelle. Das A und O hierbei sind die Informationen und klare Regelungen. Bewährte Maßnahmen sind zum Beispiel:

  • Systematische Suchtprävention im betrieblichen Gesamtkonzept
  • Betriebsvereinbarungen zum Umgang mit Suchtmitteln
  • Aufklärungskampagnen über Sucht (Gesundheits- und Sicherheitstage)
  • Einbindung von Betriebsärzten, Sozialberatern, externen Beratungsstellen
  • Seminare für Führungskräfte und Multiplikatoren
  • Hilfsprogramme für Betroffene bekanntmachen

Klare Regelungen schaffen

So sollte eine Betriebsvereinbarung zum Umgang mit Suchtmitteln die oben genannten Punkte konkret festhalten. Dazu gehören auch die im Akutfall zu treffenden Maßnahmen und Konsequenzen, wie der Transport des Betroffenen nach Hause und der Umgang mit einem Rückfall. Akut suchtmittelauffällige Mitarbeiter sind sofort von der Tätigkeit zu entbinden und gegebenenfalls sicher nach Hause zu bringen, um Gefahren für sie und andere zu vermeiden. Dafür bedarf es keiner Diagnosen oder Ursachenforschung. Die subjektive Einschätzung der aktuellen Arbeitsfähigkeit nach Augenschein genügt. Allerdings sollten Unternehmer oder Vorgesetzte Zeugen hinzuziehen und den Fall schriftlich dokumentieren. Bei seiner Rückkehr in den Betrieb erwartet den Betroffenen zunächst ein zu dokumentierendes klärendes Gespräch, in dem es um sein Verhalten und seine arbeitsvertraglichen Pflichten geht. Oft befürchten Vorgesetzte, einen falschen Verdacht zu hegen und ihren Beschäftigten ungerechtfertigt eine ernsthafte Suchtproblematik zu unterstellen. Da es sich um einen schleichenden und versteckten Erkrankungsprozess handelt, ist diese Unsicherheit nachvollziehbar. Oft helfen folgende Fragen weiter: „Hat sich mein Mitarbeiter in der letzten Zeit verändert? Wie war er früher, vor einem halben oder ganzen Jahr oder als ich ihn eingestellt habe?“ Gespräche mit anderen Beschäftigten und Kollegen können ebenfalls von Nutzen sein. Und auch das „Bauchgefühl“ täuscht selten.

Liegt tatsächlich eine Suchtproblematik bei einem Beschäftigten vor, sind davon in der Regel alle Lebensbereiche berührt. Nach der „3 F-Regel“ treten die Probleme vor allem in der Familie, der Firma und beim Führerscheinbesitz auf. Deshalb bietet es sich an, den Kontakt zu den Angehörigen des Betroffenen zu suchen. Oft sind diese dankbar für eine Rückmeldung von anderer Seite und gern bereit, mit dem Arbeitgeber zusammenzuarbeiten. Der Betriebsarzt bietet ebenfalls Unterstützung an. Auch die Erfahrungen örtlicher Suchtberatungsstellen können weiterhelfen. Eine Suchmaschine zu den nächstgelegenen Beratungsstellen bietet die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.bzga.de. Rund um die Uhr berät zudem die bundesweite Sucht- und Drogen-Hotline 01805/ 313031 (0,14 €/Min. aus dem Festnetz, Mobilfunk max. 0,42 €/Min.). Und nicht zuletzt finden Betroffene, Angehörige, Kollegen, Vorgesetzte oder Nachbarn Unterstützung beim Psychosozialen Dienst jeder Stadt.

Bei wiederholten Auffälligkeiten bieten sich Maßnahmen nach dem Fünf-Stufen-Plan an  (Abbildung 2).
Weitere Informationen dazu finden Sie im Internet unter diesem Stichwort oder in der Broschüre „Substanzbezogene Störungen am Arbeitsplatz – Eine Praxishilfe für Personalverantwortliche“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS). Der Fünf-Stufen-Plan kann in einer Betriebsvereinbarung oder in Betrieben ohne Betriebsrat in einer Betriebsregelung verankert werden.

Alle Angebote der BGHM zum Thema „Sucht“ finden Sie auf unserer Homepage www.bghm.de unter dem Webcode 614. Dort können Sie sich über Fachinformationen, Broschüren, Filme und Seminare  informieren.

 

Ute Kalka, Nadine Mölling, BGHM